Dr. Thomas Falkner: Orakel Internet

Google, die führende Suchmaschine, weiß inzwischen nicht mehr nur, wo im weltweiten Internet man etwas findet – sie kann mittlerweile auch Entwicklungen voraus sagen. So etwa den norwegischen Sieg beim jüngsten Eurovision Song Contest. Warum? Google Insight weiß und beobachtet, wofür sich die User interessieren, wohin sich ihr Interesse wendet, wo es sich bündelt. Die Daten sind – anonymisiert – für jedermann zugänglich. Und sie sind lehrreich – auch und vielleicht gerade für politische Parteien. Zunächst: Man mag über Politik- und Parteienverdrossenheit so viel reden, wie man will – das politische Interesse an den Parteien ist ungebrochen. Es gibt jahreszeitliche Schwankungen und politische Zyklen. Im Sommerurlaub oder in der Weihnachtszeit dürsten die Bürgerinnen und Bürger weniger nach Neuem über die Parteien – in Vorwahl- und bei der LINKEN auch in Parteitagszeiten nimmt das Interesse jedoch deutlich zu.

Allerdings: Von welcher Seite auch immer man schaut – der einsam hohe Gipfel vom Wahlherbst 2005 bleibt einfach unerreicht. Nur die Grünen machen eine Ausnahme – sie waren für die große Schlacht Schröder vs. Merkel wohl nicht von besonderem Interesse. Anders die LINKE. Vom Mai 2005 schossen die Nachfragen nach ihren beiden Quellparteien, aber auch schon nach dem künftigen Parteinamen drastisch in die Höhe – weit über den Spitzenwert, den die alte PDS ein Jahr davor angesichts ihres Vormarsches bei den Landtagswahlen in Thüringen und später Brandenburg vor dem Hintergrund der großen Hartz-IV-Proteste erzielt hatte.
Übertroffen wurde diese Hinwendung nur noch durch ihre beiden Protagonisten – Oskar Lafontaine und Gregor Gysi. 2005, im Aufbruchjahr der Linken und DER LINKEN, näherten sich die Menschen dem Projekt vor allem über Personen. Doch inzwischen hat sich die Partei stabilisiert: Man fragt jetzt vor allem nach DER LINKEN, nach dem, was die Partei sagt, denkt, will, betreibt.  Sachsen-Anhalt übrigens ist in all diesen Dingen mit am wenigsten intensiv im Netz unterwegs. Anders jedenfalls als die Länder, in denen nicht nur Bundestags- sondern auch Landtags- und/oder Kommunalwahlen anstehen. In Schleswig-Holstein jedenfalls schoss das Interesse an der LINKEN im Juli 2009 schlagartig in die Höhe – trotz Urlaubszeit, denn die Große Koalition in Kiel war zerbrochen und vorzeitige Landtagswahlen rückten heran.

Welche Partei wird die Wahlen gewinnen? Und wie hoch? Das weiß Google Insight noch nicht. Was aber abzulesen ist: Auch bei diesen Wahlen 2009 gewinnt das politische Interesse, gewinnt die Demokratie – und gewinnt die LINKE an Aufmerksamkeit und Zuwendung. Es mag Blockaden und Kampagnen in den traditionellen Medien geben – die Bürgerinnen und Bürger suchen hingegen im Internet nach Möglichkeiten eigener, unverstellter, unabhängiger Meinungsbildung. Dabei stoßen sie auch und ziemlich leicht auf unsere Seiten, auf unsere Botschaften, auf unsere Debatten. Und sie stoßen im Wahlkampf, auf den Straßen, im wirklichen Leben auf uns selbst – auf die Mitglieder und Sympathisanten der LINKEN. Wir treffen also auf interessierte, aufgeschlossene, auf suchende Menschen. Reden wir mit ihnen – offen und engagiert. Es lohnt sich. Für beide Seiten.