„Lesen gegen das Vergessen“ – Erinnern heißt Haltung zeigen
Mit den Veranstaltungen „Lesen gegen das Vergessen“ wurde am 8. Mai in Bernburg und am 10. Mai in Magdeburg ein eindrucksvolles Zeichen gegen das Vergessen nationalsozialistischer Verbrechen und gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit in der Gegenwart gesetzt. Zahlreiche Engagierte aus Kultur, Politik und Zivilgesellschaft kamen zusammen, um Texte jener Autorinnen und Autoren zu lesen, deren Werke am 10. Mai 1933 von den Nationalsozialisten öffentlich verbrannt wurden.
Die Veranstaltung in Magdeburg wurde gemeinsam von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt und dem Literaturhaus Magdeburg organisiert. In Bernburg wurde die Lesung vom Kreisverband DIE LINKE Salzlandkreis ausgerichtet. Beide Veranstaltungen machten deutlich, wie wichtig eine lebendige Erinnerungskultur gerade in Zeiten ist, in denen rechte Ideologien und demokratiefeindliche Positionen wieder stärker sichtbar werden.
Erinnert wurde an die Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933, als Studierende, Professoren, Mitglieder der SA, der Hitlerjugend und nationalsozialistische Organisationen die Werke sogenannter „verfemter“ Autor:innen öffentlich verbrannten. Betroffen waren Schriftsteller und Denker wie Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig oder Johannes R. Becher. Die Bücherverbrennungen standen symbolisch für die systematische Zerstörung freier Kunst, Wissenschaft und demokratischen Denkens durch das NS-Regime.
Die Magdeburger Veranstaltung fand am Nachmittag unter freiem Himmel auf dem Erhard-Hübener-Platz am Hundertwasserhaus statt. Moderiert wurde sie vom Dramaturgen und Bundestagsabgeordneten der LINKEN, David Schliesing. Zu den Lesenden gehörten unter anderem Anita Bader von der Philharmonie Schönebeck, Dennis Jannack aus dem Magdeburger Stadtrat, Cornelia Ribbentrop als Stadtratsvorsitzende von Schönebeck, Frank Brehmer vom Blindenverband, Maik Hattenhorst von der Stadtbibliothek Magdeburg, der Kabarettist Lars Johansen, Antonia Kaloff, Vertreter:innen des Schriftstellerverbandes sowie Mitglieder der Omas gegen Rechts.
Bereits zwei Tage zuvor hatte auf dem Karlsplatz in Bernburg eine weitere Lesung stattgefunden. Dort führte die Schauspielerin Judith Kruder durch die Veranstaltung. Zu den Lesenden gehörten unter anderem Veit Kuhr, Henriette Krebs und Natalie Nagel, die alle drei im Salzlandkreis für die kommende Landtagswahl kandidieren.
Musikalisch begleitet wurden beide Veranstaltungen von Matthias Marggraf mit seinem E-Cello. Seine eindringlichen musikalischen Beiträge verliehen den Lesungen eine besondere Atmosphäre und unterstrichen die emotionale Kraft der vorgetragenen Texte.
Ein besonders bewegender Moment der Veranstaltung in Bernburg war der musikalische Beitrag von Sabine Dirlich. Sie trug das Lied „Die Kinder von Izieu“ von Reinhard Mey vor. Das Lied erinnert an die 44 jüdischen Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs im französischen Izieu Zuflucht gefunden hatten und 1944 deportiert und ermordet wurden. Der Vortrag sorgte für einen stillen und nachdenklichen Moment des gemeinsamen Gedenkens.
Die Veranstaltungen machten deutlich, dass Erinnerungskultur mehr bedeutet als historische Rückschau. Gerade das gemeinsame Lesen der damals verbotenen Texte zeigte eindrucksvoll, wie wichtig freie Kunst, freie Meinungsäußerung und demokratische Kultur für eine offene Gesellschaft sind. Gleichzeitig wurde klar: Das Erinnern an die Bücherverbrennungen von 1933 ist immer auch eine Mahnung für die Gegenwart.
Denn dort, wo Menschen ausgegrenzt, Minderheiten angegriffen oder demokratische Werte relativiert werden, beginnt erneut jene gefährliche Entwicklung, gegen die die damaligen verfemten Autor:innen geschrieben haben. „Lesen gegen das Vergessen“ war deshalb weit mehr als eine literarische Veranstaltung – es war ein öffentliches Bekenntnis zu Demokratie, Menschlichkeit und antifaschistischer Haltung.

