„Psychotherapie verteidigen“ – Protest gegen Kürzungen und für die Zukunft der Versorgung
Die Botschaft war unmissverständlich, die Stimmung kämpferisch: unter dem Motto „Wir sagen Nein zu Honorarkürzungen!“ versammelten sich in Sachsen-Anhalt zahlreiche Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Psychotherapeut:innen in Ausbildung, Studierende sowie Unterstützer:innen, um gegen die geplanten Kürzungen in der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen zu protestieren. Aufgerufen hatte die Landesgruppe Sachsen-Anhalt der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV). Anlass ist die Entscheidung des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen, die Vergütung zum 1. April 2026 um 4,5 Prozent zu senken.
Was nach einer nüchternen Anpassung klingt, hat in der Praxis weitreichende Folgen. Denn die Kürzung trifft ein Versorgungssystem, das vielerorts bereits an seine Grenzen stößt – insbesondere im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Die Kundgebung machte deutlich: hier geht es nicht nur um Honorare. Es geht um die Zukunft der psychischen Gesundheitsversorgung.
Ein System unter Druck
Schon heute ist die Situation angespannt. In vielen Regionen Sachsen-Anhalts, insbesondere im ländlichen Raum, fehlen Therapieplätze. Wartezeiten von mehreren Monaten sind keine Ausnahme, sondern Realität. Für Kinder und Jugendliche bedeutet das oft, dass sie in akuten Krisen keine zeitnahe Unterstützung erhalten.
Gleichzeitig steigt der Bedarf. Psychische Erkrankungen nehmen zu, Belastungen durch Schule, Familie und gesellschaftliche Unsicherheiten wirken sich immer stärker aus. Gerade junge Menschen sind hiervon besonders betroffen. Die Pandemie hat diese Entwicklung zusätzlich verschärft, aber auch unabhängig davon zeigt sich seit Jahren ein klarer Trend: der Bedarf wächst – das System hält nicht Schritt.
Vor diesem Hintergrund wirkt die geplante Honorarkürzung wie ein Schlag ins Gesicht vieler Fachkräfte. Statt die Versorgung zu stabilisieren und auszubauen, wird sie weiter unter Druck gesetzt.
Politische Entscheidung mit weitreichenden Folgen
Die Entscheidung des GKV-Spitzenverbandes, die Vergütung um 4,5 Prozent zu senken, wird von vielen als falsches Signal gewertet. Denn sie vermittelt den Eindruck, dass psychotherapeutische Leistungen weniger wert seien als zuvor.
Dabei ist längst belegt, dass Psychotherapie nicht nur individuell hilft, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll ist. Jeder investierte Euro spart langfristig Kosten – etwa durch weniger Krankenhausaufenthalte, geringere Arbeitsausfälle und eine bessere gesellschaftliche Teilhabe der Betroffenen. Stationäre Behandlungen sind um ein Vielfaches teurer als ambulante Therapie.
Die Kürzung könnte daher nicht nur die Arbeitsbedingungen verschlechtern, sondern auch ganz konkret die Versorgung beeinträchtigen. Weniger wirtschaftlicher Spielraum bedeutet im Zweifel: weniger Behandlungsplätze, weniger Kapazitäten, längere Wartezeiten.
Ein klarer Appell aus der Praxis
Besonders eindrücklich wurde die Situation durch die Redebeiträge vor Ort geschildert. Unter den Sprecherinnen war auch Natalie Nagel, Psychologin, angehende Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Landtagskandidatin der Linken. Sie machte in ihrer Rede deutlich, was die politischen Entscheidungen konkret bedeuten – für Fachkräfte, vor allem aber für die Betroffenen.
„Wir stehen heute hier, weil etwas gewaltig schiefläuft“, eröffnete sie ihren Beitrag. Während psychische Erkrankungen zunehmen – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen – geschehe politisch genau das Gegenteil von dem, was notwendig wäre: „Psychische Gesundheit wird politisch abgewertet.“
Nagel betonte, dass es sich bei den Honorarkürzungen keineswegs um ein technisches Detail handele, sondern um eine grundsätzliche Frage der Wertschätzung: „Sie sind ein klares Signal: eure Arbeit ist weniger wert. Die Versorgung ist verzichtbar. Und genau das ist falsch.“
Dabei sprach sie nicht nur als Politikerin, sondern auch aus ihrer beruflichen Praxis heraus. „Ich weiß, was es bedeutet, wenn ein Kind monatelang auf einen Therapieplatz wartet“, erklärte sie. „Ich weiß, wie es ist, wenn Eltern verzweifelt nach Hilfe suchen und keine finden.“
Die Konsequenzen dieser Versorgungslücken seien gravierend: „Dann werden aus Krisen chronische Erkrankungen. Dann verlieren junge Menschen Vertrauen, in sich und in das System.“
Sparen am falschen Ende
Ein zentraler Punkt der Kritik richtet sich gegen die Logik der Einsparungen. Nagel machte deutlich, dass Kürzungen in der Psychotherapie langfristig nicht zu Einsparungen führen, sondern im Gegenteil höhere Kosten verursachen.
„Wer heute in der Psychotherapie kürzt, zahlt morgen doppelt und dreifach“, so ihre klare Ansage. Die Folgekosten zeigten sich in Kliniken, in der Jugendhilfe, im Bildungssystem und vor allem im Leben der Betroffenen.
Diese Einschätzung wird durch zahlreiche Studien gestützt. Frühzeitige psychotherapeutische Interventionen können verhindern, dass sich Erkrankungen verfestigen oder verschlimmern. Sie tragen dazu bei, dass Menschen arbeitsfähig bleiben, ihre Ausbildung abschließen und gesellschaftlich teilhaben können.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Kürzung nicht nur sozialpolitisch problematisch, sondern auch ökonomisch kurzsichtig.
Besonders betroffen: Kinder und Jugendliche
Ein Schwerpunkt der Kundgebung lag auf der Situation von Kindern und Jugendlichen. Hier ist der Bedarf besonders hoch, während die Versorgung gleichzeitig besonders lückenhaft ist.
Nagel formulierte es deutlich: „Kinder können nicht warten. Jugendliche können nicht einfach ‚später nochmal kommen‘.“ Wenn sie in entscheidenden Entwicklungsphasen keine Unterstützung erhalten, können die Folgen ein Leben lang nachwirken.
In ihrer täglichen Arbeit erlebe sie die Realität hinter den Zahlen: Kinder mit Angststörungen, die nicht mehr zur Schule gehen. Jugendliche mit Depressionen, die keinen Ausweg sehen. Familien, die an ihre Grenzen kommen.
„Und wir sagen ihnen: ‚Warte noch ein halbes Jahr‘?“, fragte sie. „Das ist kein Systemfehler. Das ist ein politisches Versagen.“
Sachsen-Anhalt im besonderen Fokus
Die Situation ist in Sachsen-Anhalt besonders angespannt. Als Flächenland mit vielen ländlichen Regionen ist die Versorgung ohnehin schwierig. Lange Wege, wenige Praxen und eine ungleiche Verteilung von Angeboten verschärfen die Problematik.
Die geplanten Kürzungen treffen daher auf eine ohnehin fragile Struktur. Viele der bestehenden Angebote könnten weiter unter Druck geraten. Gerade dort, wo die Versorgung ohnehin schon knapp ist, drohen zusätzliche Engpässe.
Nachwuchs in der Krise
Ein weiteres zentrales Problem ist der Fachkräftemangel. Viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig ist die Aus- und Weiterbildung weiterhin nicht ausreichend finanziert.
Psychotherapeut:innen in Ausbildung arbeiten häufig unter prekären Bedingungen. Die unsichere Perspektive schreckt viele ab, den Beruf zu ergreifen oder langfristig in der Versorgung zu bleiben.
Die Honorarkürzungen verschärfen diese Situation zusätzlich. Sinkende Einnahmen bedeuten weniger Planungssicherheit – und damit schlechtere Bedingungen für den Nachwuchs.
Forderungen für eine bessere Versorgung
Die Teilnehmenden der Kundgebung machten deutlich, dass es Alternativen gibt. Statt Kürzungen brauche es Investitionen in die psychische Gesundheitsversorgung.
Gefordert wurden unter anderem:
ein Ausbau der Therapieplätze
bessere Arbeitsbedingungen für Therapeutinnen und Therapeuten
eine flächendeckende Versorgung, insbesondere im ländlichen Raum
eine verlässliche Finanzierung der Weiterbildung
Nagel brachte es in ihrer Rede auf den Punkt: „Psychotherapie ist keine freiwillige Leistung. Sie ist Teil der Daseinsvorsorge.“
Gerade bei Kindern und Jugendlichen entscheide sie über Lebenswege. Eine Gesellschaft, die hier spare, spare an ihrer eigenen Zukunft.
Ein gemeinsamer Protest
Die Kundgebung zeigte, dass der Widerstand gegen die Kürzungen breit getragen wird. Neben Therapeutinnen und Therapeuten beteiligten sich auch Studierende, Auszubildende und politisch Engagierte.
Der Protest richtet sich nicht nur gegen eine einzelne Entscheidung, sondern gegen eine grundsätzliche Entwicklung: die schleichende Abwertung psychischer Gesundheit im Gesundheitssystem.
Fazit: Ein Signal, das gehört werden muss
Die geplante Honorarkürzung ist mehr als eine finanzielle Anpassung. Sie ist ein politisches Signal – und genau dieses Signal stößt auf massiven Widerstand.
Die Kundgebung in Sachsen-Anhalt hat deutlich gemacht, dass viele bereit sind, für eine bessere Versorgung zu kämpfen. Für faire Arbeitsbedingungen, für mehr Therapieplätze – und vor allem für die Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind.
Oder, wie Natalie Nagel es am Ende ihrer Rede formulierte:
„Lasst uns gemeinsam laut bleiben. Lasst uns Druck machen. Und lasst uns klar sagen: Diese Kürzungen müssen vom Tisch. Für eine starke Psychotherapie. Für eine echte Versorgung. Und vor allem: für die Kinder und Jugendlichen in diesem Land.“

